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Geschichte(n)


Viel trinken, viel schreiben

Sein Name: Heinz Werner Höber.
Seine Erfindung: Jerry Cotton.
Sein Leben: Zwei Kneipen

Johannes Schweikle



Seinen Namen will der Pole nicht nennen. »Gib mir 3000 Mark, und ich erzähle.« Seinen Vornamen verrät er immerhin kostenlos, der lautet Jarek. »Hier saß Jerry Cotton immer mit seinen Zettelchen.« Jarek deutet zum Stammtisch. Seine Hand habe gezittert, aber seine kleinen Buchstaben seien gestochen scharf gewesen. »Ich habe ihm erzählt, und er hat aufgeschrieben.«

An der Wand hinter dem Stammtisch hängt ein gerahmtes Schwarzweißfoto. Es zeigt einen bulligen nach vorn gebeugten Mann mit rundem Schädel, hoher Stirn und dicker Hornbrille: Heinz Werner Höber. Als der Pole weiterredet, verwandelt sich Höber allmählich in Jerry Cotton, und »Die kleine Kneipe« in Berlin-Charlottenburg wird zur rauen Bronx. »Ich habe ihm erzählt über die Mafia.« Das letzte Wort stößt Jarek fast bedrohlich hervor. Er hat Jerry Cotton nicht nur den Stoff für seine Geschichten geliefert. »Ich habe ihm auch geschenkt goldenen Kugelschreiber.«
Mindestens 350 Romane hat Heinz Werner Höber geschrieben. Jerry Cotton, Groschenkrimis, Schublade Trivialliteratur. Der Autor hat kein literarisches Denkmal hinterlassen, sondern nur eine Fußspur. Sie führt von der Kleinen Kneipe zum Wirtshaus Wuppke, seinem zweiten Stammlokal eine Straße weiter. Orte, die an ein Autorenleben erinnern, das vor knapp vier Jahren zu Ende ging.

Heinz Werner Höber wurde 1931 als Sohn eines Dachdeckers im Erzgebirge geboren. Lesen gelernt hat er mit Karl May. In den Nachkriegswirren setzte sich der 17-Jährige nach Westdeutschland ab. In Lemgo fand er einen Deutschlehrer, der ihn stark beeinflusste, einen glühenden Antifaschisten.

Den ersten Jerry Cotton schrieb Höber 1955. Weil er mit der Miete für sein Mansardenzimmer hoffnungslos im Rückstand war. Er entschied, dem FBI-Agenten Jeremias Cotton den Glamour der fernen Metropole New York zu geben. Höber saß in Recklinghausen, maß mit einem Lineal im Stadtplan von Manhattan Entfernungen auf dem Broadway. Arbeitete sich durch ein 14 Pfund schweres Handbuch, das er vom FBI aus Washington erhalten hatte (für die 70 Mark Luftfracht musste er seine Wirtin anpumpen), und schrieb ganz wie sein Vorbild Karl May über ein Land, das er nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Erst 1970 reiste Höber nach New York, auf Einladung der Gewerkschaft der Polizei.



Cotton hatte Schwächen, aber er war ein Held


»Einen edlen, reinen Helden«, hat Höber seine Figur einmal genannt, »zu dem man nach den eilends verdrängten Nazijahren aufblicken konnte.« Cotton zeigte zwar menschliche Schwächen, aber er blieb moralisch unangreifbar, ein Mann mit unbeugsamem Gerechtigkeitssinn. Auch die alltäglichen Verrichtungen wie das Trinken gerieten ihm heldenhaft. Zum Beispiel, als er den legendären schwarzen Jaguar mit roten Sitzen kaufte: »Phil und ich tauften ihn mit einer Flasche echten Champagners, indem wir ihm stilgerecht ein halbes Glas vor den Kühler schütteten und den Rest uns durch die Kehle jagten.«

Fast jede Woche schrieb Höber 120 Schreibmaschinenseiten. Noch Anfang der siebziger Jahre speiste ihn der Bastei-Verlag mit lächerlichen 1400 Mark pro Heft ab. Höber identifizierte sich bis zum Nummernschild seines weißen Mercedes (LE-JC 1) mit seinem Helden. Aber er behielt den Traum im Kopf, einen richtigen Roman zu schreiben, der von den Kritikern als seriöse Literatur anerkannt würde. Bei Rowohlt sollte es sein, weil das für ihn ein Leuchtturm im Büchermeer war, nach dem Krieg hatte er Tucholsky, Camus und Hemingway in rororo-Heften gelesen. In die Kaste der intellektuellen Autoren wollte er aufgenommen werden. Der Lektor der Rowohlt-Thriller erinnert sich noch heute an die Begegnung mit dem Jerry-Cotton-Autor. »Der konnte seitenlang auswendig Gedichte aufsagen«, sagt Bernd Jost bewundernd, »Hölderlin und andere, die kannte ich nicht mal, und ich hab studiert.«
Zwei Anläufe und drei Jahre brauchte es, bis Höbers Thriller bei Rowohlt erschien: Ein jüdischer Klomann will auf der Hoteltoilette den KZ-Arzt vergasen, der seine Frau auf dem Gewissen hat. »Es hat Spaß gemacht, mit einem Autor zusammenzuarbeiten, der sein Handwerk ernst nimmt - das kommt nicht so häufig vor, wie man denkt«, erinnert sich Lektor Jost. »Ich war mir sicher, dass das ein Bestseller wird. Aber die Kritiker haben das Buch nicht angenommen. Sie haben dem Autor nicht mehr zugetraut als Jerry Cotton.« Inzwischen ist das Buch vergriffen, Nun komm ich als Richter, der Titel zitiert ein Gedicht von Werner Bergengruen.


Original-Widmung (Jerry Cotton - Kennwort Roter Drache)

Der Wirt vom Berliner Wirtshaus Wuppke wird dieses Gedicht nie vergessen. »Das hat er hier am Stammtisch rezitiert - mit dröhnendem Bass, zitternder Stimme und rotem Kopf«, erzählt er. »Aber wenn er was gesagt hat, war das ja immer gleich 'n Vortrag, bei dem es nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder konntest du ihn annehmen, oder du musstest den Tisch verlassen.« Sieben Jahre war Höber Stammgast im Wuppke: Hat am Abend fünf Stunden im Hinterzimmer geschrieben - der Wirt besitzt noch das rote Schreibbrett -, dann kam er nach vorn an den Stammtisch und unterhielt die Kneipe mit Anekdoten und russischen Volksliedern. Höber setzte sich gern in Szene, war ein charismatischer Erzähler und brillierte mit seiner guten Allgemeinbildung. »Wir haben ihn sozusagen gesponsert«, erinnert sich der Wirt: Am Abend trank Höber zehn Bier und zehn doppelte Wodka, lud großzügig ein und schmiss Runden, »und wir haben ihn hoch kreditiert«.


Am Abend zehn Bier und zehn doppelte Wodka

Höber war kein Schmarotzer, »wenn er Geld hatte, hat er auch mal auf einen Schlag 4000 Mark zurückgezahlt«. Aber als sich die Schulden den fünfstelligen Zahlen näherten, war das für eine kleine Charlottenburger Bierkneipe zu viel. »Das haben wir ihm gesagt, und das hat dann zu einem gewissen Zerwürfnis geführt.«

»Wenn der Werner hundert Mark in der Tasche hatte, hatte er die genialsten Pläne, wie man zweihundert ausgeben kann«, sagt sein Biograf* und Krimikollege Helmut Eikermann alias Jan Eik. Den größten Coup landete Höber zu seinem Fünfzigsten: Er feierte mit 520 Gästen, auch der Regierende Bürgermeister Hans-Jochen Vogel schaute vorbei, und die pralle Sause am Ku'damm kostete 38000 Mark, die Höber natürlich nicht hatte. Aber er erklärte dem Wirt, wie er im Doppelpass mit dem Gerichtsvollzieher an das Geld kommen könnte: Er solle beim Bastei-Verlag pfänden lassen, der ihm noch erkleckliche Nachdruckhonorare schuldete. So kam der Wirt zu seinem Geld.

1970 verklagte Höber den Bastei-Verlag: Er wollte sich nicht mehr mit dem lächerlichen Pauschalhonorar von 1400 Mark abspeisen lassen, sondern wie ein Buchautor prozentual am Verkauf beteiligt werden. Deshalb sollte der Verlag die Jerry-Cotton-Auflage offen legen. Höber erhoffte sich so 15000 Mark pro Heft. Für Anwalts- und Gerichtskosten nahm er einen Kredit von 280000 Mark auf, aber das Geld reichte nicht, um den Prozess bis zum Ende durchzustehen.

Die Jerry-Cotton-Aufträge war er sowieso los, bei Verleger Gustav Lübbe war er für den Rest seines Lebens in Ungnade gefallen. Höbers Lebensgefährtin musste putzen gehen. Zehn Jahre später reichte der Jerry-Cotton-Lektor Höber wieder die Hand. Für 3000Mark pro Heft durfte er wieder schreiben. Allerdings sollte der alte Lübbe tunlichst nichts davon wissen. Höber musste seine Manuskripte über einen Agenten abliefern, und wenn er bei Journalisten über sein Cotton-Comeback plauderte, filzte der Lektor die Pressemappe, bevor sie Lübbe vorgelegt wurde.

Der Alkoholiker Höber bekam kein Problem mit der Leber, Lungenkrebs diagnostizierten die Ärzte. »Sein riesiger Bekanntenkreis hat sich schnell verlaufen, als es ihm nicht mehr gut ging«, sagt sein Biograf. Ein Berliner Sanatorium entließ den Todgeweihten nach Hause, gab ihm ein Atemgerät mit, das einen guten Zentner wog. Ein durchsichtiger Plastikschlauch verband es mit Höbers Nase. Um Ostern 1996 bat Höber seine Getreuen, ihn und die Maschine aus der Wohnung in der Kantstraße in die Kleine Kneipe zu schleppen. Er wollte noch einmal in den Dunstkreis des Zapfhahns.

»Wenn du schreibst Scheiße über ihn«, sagt Jarek, der Pole. Mehr sagt er nicht, sondern haut mit seiner rechten Faust dumpf drohend in die hohle Linke. »Er war in Ordnung«, dieser Satz zieht sich wie ein Refrain durch den Abend in Jerry Cottons kleiner Kneipe. Ein blasser Berliner mischt sich ins Gespräch, deutet auf des Schwarzweißfoto an der Wand: »Der Höfer oder wie hieß der?« Heinz Werner Höber ist am 15. Mai 1996 gestorben. Jerry Cotton lebt.


Jan Eik: Der Mann, der Jerry Cotton war
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(c) DIE ZEIT 15/2000




 

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